Das ehemalige Feierabendhaus mecklenburgischer Lehrerinnen (Richard-Wossidlo-Straße 7)
Der Gedanke, ein Erholungs- und Feierabendheim zur Unterstützung für alte und dienstunfähige mecklenburgische Lehrerinnen und Erzieherinnen einzurichten, wurde in dem 1882 gegründeten "Mecklenburgischen Zweigverein für das höhere Mädchenschulwesen" geboren.
Einen maßgeblichen Anteil an der Idee und ihrer Verwirklichung hatte die Vorsteherin der Warener Höheren Mädchenschule Auguste Sprengel als Mitbegründerin und spätere Vorsitzende des Vereins. Vorbilder waren Feierabendhäuser in der braunschweigischen Stadt Gandersheim und in Völlinghausen in Westfalen.
Bei der Suche nach dem günstigsten Ort für das Haus kristallisierten sich bald Schwerin und Waren heraus. Die Befürworter der Stadt an der Müritz lobten ihren Ort in den höchsten Tönen und führten mehrere Standortvorteile an.
Sie waren der Meinung, "das Feierabendhaus darf nicht in der Nähe einer größeren Stadt liegen, sondern bei einer geringeren Umfanges, die sich aber lebhaft für die Anstalt interessiert; das Feierabendhaus muss leichte Reiseverbindungen haben; es muss bei einem Orte liegen, der leicht alles liefert, was zum geistigen und körperlichen Wohlbefinden gehört; der Ort darf nicht zu teuer sein; er darf nicht zu weit vom Strelitzischen liegen; eine Persönlichkeit muss in der gewählten Stadt wohnen, die sich der Anstalt namentlich in den ersten Jahren besonders annimmt.
Welcher Ort bietet das alles? Waren." Hinzu kam, dass die Stadt Waren – noch bevor viele Mitglieder des Vereins an die Verwirklichung der Idee glaubten – die Schenkung eines Bauplatzes am Ufer des Tiefwarensees für das Feierabendhaus zugesagt hatte. Es handelte sich um ehemalige Gartengrundstücke am Mühlenberg, die 1891 von der Stadtkämmerei auf den Vorstand des Feierabendhauses übertragen wurden.
Schon am 4. Oktober 1891 konnte das Feierabendhaus eröffnet werden. Die Kosten für die Erbauung nebst Stallgebäude, für die Herstellung des Weges, die Planierung der Umgebung des Hauses, den Ankauf und das Anlegen des Gartens und für die Einrichtung des Hauses betrugen 71 120,45 Mark.
Die Pläne für das Haus stammten von dem Distriktsbaumeisters C. Schäfer. Die Bauausführung lag bei dem Warener Bauunternehmer und Maurermeister Fehmer. Möglich wurde die Einweihung durch eine Schenkung des Landtages und weiterer Zuwendungen.
Im Juni 1892 wurde das für 25 Frauen eingerichtete Haus von zehn früheren Lehrerinnen bewohnt, fünf weitere wollten zu Michaelis aufgenommen werden. Auf der 11. Jahresversammlung des Mecklenburgischen Zweigvereins für das höhere Mädchenschulwesen erstattete Auguste Sprengel auch den ersten Kassenbericht für das Feierabendhaus.
Neben einem Zuschuss, den das Haus aus eigenen Einnahmen leistete, waren es vor allem Schenkungen, unter anderem von der Großherzogin Anastasia, der Ehefrau des Schweriner Großherzogs, die das Bestehen sicherten. Die Suche nach Vorschlägen, um die Einnahmen für das Haus zu erhöhen und künftig die Kosten decken zu können, blieb erfolglos. Ein Einwand, dass das Haus zu luxuriös gebaut und ausgestattet sei, wurde aber zurückgewiesen. Dass das Haus trotz aller Probleme acht Jahre nach seiner Eröffnung schuldenfrei war, war dem Einsatz von Auguste Sprengel zu verdanken, die bis 1899 zum Hausvorstand gehörte und die Kasse führte.
Das Feierabendhaus erfreute sich seit seiner Gründung der besonderen Unterstüzung durch die Landesherren in Schwerin und Neustrelitz. Immer wieder waren es Mitglieder der Fürstenhäuser, wie die schon genannte Großherzogin Anastasia, die Großherzogin Auguste als Ehefrau des Strelitzer Großherzoges oder die mit dem russischen Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch verheiratete Maria Paulowna, eine Schwester von Friedrich Franz III., die das Haus bei ihren Besuchen in Waren besichtigten und durch Geldspenden unterstützten. Die für den Ort des Feierabendhauses einst geforderten günstigen Verkehrsverbindungen kamen nicht nur den Bewohnerinnen zu Gute, sondern förderten auch den Besuch durch wohlhabende Gönner.
Die Mitglieder der großherzoglichen Familie kamen mit fahrplanmäßigen Zügen an, wurden am Bahnhof von Bürgermeister Schlaaf begrüßt und fuhren dann mit Equipagen, die von wohlhabenden Warener Kaufleuten wie dem Besitzer der Warener Dampfmühle Wilhelm Behn bereitgestellt wurden, weiter. Anschließend setzten sie ihre Reise wiederum mit der Eisenbahn fort.
Am 24. Mai 1905 besuchte auch Großherzog Friedrich Franz IV anlässlich der Gewerbe- und Maschinenausstellung, der Tierschau und Geflügelausstellung des landwirtschaftlichen Kreisfestes Waren. Neben dem Ausstellungsbesuch und dem Betrachten der Kirchen, der Kietzanlagen und des Kriegerdenkmals gehörte auch die Besichtigung des Feierabendhauses zum Besuchsprogramm. Die Wohnungen des Hauses waren damals alle belegt.
Im Jahre 1901 waren die Satzungen der Feierabend-Stiftung für Lehrerinnen des Mecklenburgischen Zweigvereins für das höhere Mädchenschulwesen mit dem Feierabendhaus und dem Hilfsfonds von beiden mecklenburgischen Großherzögen genehmigt worden. Sie traten an die Stelle der 1887 bestätigten Statuten und regelten auch die Bedingungen der Aufnahme in das Haus und die hier gewährten Leistungen:
§ 14
Zur Aufnahme in das Feierabendhaus sind berechtigt alle Lehrerinnen, welche wesentlich in Mecklenburg beruflich tätig gewesen oder daselbst beheimatet sind, und welche außerdem dem Mecklenburgischen Zweigverein für das höhere Mädchenschulwesen seit mindestens zehn Jahren als Mitglieder angehören.
Diejenigen, welche erst nach Errichtung des Feierabendhauses Lehrerinnen geworden sind, sollen jedoch in der Regel nur dann Berücksichtigung finden, wenn sie irgend eine Staatsprüfung bestanden haben. Die Aufnahme in das Feierabendhaus wird bedingt:
Von diesen Erfordernissen kann der Vorstand befreien, soweit Freistellen zur Verfügung stehen, oder besondere Gründe dafür sprechen.
§ 16
Jede in das Feierabendhaus aufgenommene Dame erhält gegen das Eintrittsgeld von 300 Mark mindestens ein heizbares Zimmer zur alleinigen Benutzung, sowie das Recht zur Mitbenutzung der gemeinschaftlichen Räume im Hause, auch der Veranden, des Balkons, des Gartens und des Kellers, jedoch unter Beobachtung der Bestimmungen der Hausordnung.
Ferner wird den Aufgenommenen Heizung, Beleuchtung und in Krankheitsfällen freie Behandlung durch den Hausarzt, im Falle der Bedürftigkeit auch freie Arznei gewährt. Auch erhalten sie womöglich volle Beköstigung und Bedienung. Das für diese letztgenannten Leistungen des Hauses zu entrichtende möglichst billige Kostgeld setzt der Vorstand in der Hausordnung fest. Eine Erhöhung des einmal festgesetzten Kostgeldes soll nur aus dringender Veranlassung und mit möglichst schonender Berücksichtigung der Verhältnisse der einzelnen schon vor der Erhöhung aufgenommenen Insassinnen vorgenommen werden, bedarf auch des zuvorigen Benehmens mit dem Vorstande des Zweigvereins und der Genehmigung der Aufsichtsbehörde.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg litt das Feierabendhaus aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse unter chronischem Geldmangel. Wiederholt wurden Lotterien zum Besten des Hauses ausgeschrieben.
Bittgesuche um finanzielle Unterstützung wurden von den Insassen und der Leitung unter anderem auch 1922/23 an die Königin von Dänemark gerichtet, einer Schwester des letzten Schweriner Großherzogs.
Immer wieder wurde die sehr notdürftige Lage der Bewohnerinnen geschildert. Die sogenannte "Feierabend´sche Stiftung" blieb bis zum Zweiten Weltkrieg weiterhin bestehen.
Nach Kriegsende wurde das Gebäude unter anderem als Internat der Erweiterten Oberschule "Richard Wossidlo" und nach der Übergabe des neuen Schulinternats für die EOS in der Fontanestraße am 22.09.1972 von der Sonder- bzw. Förderschule genutzt.
Stadtgeschichtliches Museum Waren 1997
Text: Jürgen Kniesz
Abbildungen: Stadtgeschichtliches Museum Waren, R. Flügel, Igor Heinzel